Vier Stationen, viele Spannungen: Bei seinem Spanienbesuch von 6. bis 12. Juni trifft der Papst auf ein politisch und kirchlich polarisiertes Land
Vatikanstadt, 29.05.2026 (KAP) Das quirlige Madrid, das künstlerische Barcelona, die kanarischen Insel-Paradiese Teneriffa und Gran Canaria: Was zunächst nach einem erholsamen Sommerurlaub klingt, dürfte für den Papst zu einer wenig entspannten Reise werden. Vom 6. bis zum 12. Juni besucht Leo XIV. mit Spanien ein stark polarisiertes Land mit einer katholischen Kirche, die sich nach vielen Skandal-Jahren aufgrund fehlender Missbrauchsaufarbeitung nun ausgerechnet an der Seite der sozialistischen Regierung wiederfindet.
Jene Institution, die über Jahrzehnte eine Stütze der Franco-Diktatur war, verteidigt jetzt den liberalen Migrationskurs mit Massenlegalisierungen des linken Regierungschefs Pedro Sánchez. Bereits letzten November soll Leo XIV. Spaniens Bischöfe zu einer klaren Distanzierung von den extremen Rechten des Landes geraten haben, die unablässig gegen diesen Kurs wettern. Ihrer Kritik dürfte auch der Papst bald ausgesetzt sein, denn das Thema Migration ist ein Schwerpunkt seiner dritten Auslandsreise.
Treffen mit Migranten auf den Kanaren
Zwei seiner vier Stops im flächenmäßig zweitgrößten Land Europas widmen sich überwiegend der Situation von Migranten. Leo XIV. wird zwei der unter besonders hohen Migrationsdruck stehenden Kanarischen Inseln vor der Küste Afrikas besuchen. Auf Gran Canaria und Teneriffa sind am 11. und 12. Juni Treffen mit Geflüchteten und jenen, die sie unterstützen, geplant. Weniger als einen Monat später will Leo XIV. die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa besuchen, die ebenfalls zum Symbol der europäischen Flüchtlingspolitik geworden ist.
Doch schon zuvor, auf dem spanischen Festland, möchte Leo XIV. ein Zeichen für Willkommenskultur setzen und besucht die Kirche Sant Agustí in Barcelonas Migrantenviertel Raval. Als "multikulturelle Kloake" bezeichnet Spaniens rechtspopulistische Vox-Partei diesen Ort immer wieder. Eben ihre Vertreter sind es, die Spaniens Bischöfe für ihre Haltung gegenüber Einwanderern scharf attackieren - bis hin zum Vorwurf, ihre Hilfswerke würden von illegaler Einwanderung profitieren.
Missbrauch, Abtreibung und Sterbehilfe
Doch wenngleich Vertreter von Kirche und sozialistischer Minderheitsregierung in diesem Punkt übereinstimmen, liegen sie in anderen Fragen klar über Kreuz. Nicht zuletzt die Missbrauchsaufarbeitung, die erst nach großem öffentlichen Druck, Interventionen der Regierung und dann auch nur schleppend in Gang kam, beschädigte das Ansehen der Kirche im katholischen Spanien schwer. Erst Anfang dieses Jahres und nach fast dreijährigen Verhandlungen einigten sich Kirche und Regierung auf ein Entschädigungssystem für Opfer sexuellen Missbrauchs.
Für Debatten zwischen Kirche und Staat sorgen zudem Pläne für ein noch weiter liberalisiertes Abtreibungsgesetz sowie die Erlaubnis von aktiver Sterbehilfe, die zuletzt durch den Tod einer 25-Jährigen weltweit für Schlagzeilen sorgte. Bei diesen ethischen Fragen positioniert sich ein Papst stets auf Seiten des Lebensschutzes. Weitere Themen also, die bei Leos XIV. Spanienbesuch für Debatten sorgen könnten.
In Spanien sei die Politik "sehr polarisiert", sagte Kardinal José Cobo im Vorfeld der Papstreise dem Portal "OSV News". Leo XIV. komme nicht, "um irgendjemandem etwas aufzuzwingen", sondern wolle einen weiteren Horizont anbieten, so der Erzbischof von Madrid. Diese Perspektive bestehe im Sprechen von der Bedeutung des Gemeinwohls über alle Unterschiede hinweg und dem Blick auf die Menschenwürde als Achse für die Bewältigung von Problemen. "Vergessen wir nicht, dass es jenseits der Polarisierungen große Umrisse gibt und dass die christliche Tradition der Gesellschaft etwas zu sagen hat, wenn sie uns zuhören will", rief der Kardinal auf.
Letzter Papstbesuch 2011
Seit den letzten Spanienreisen eines Papstes in den Jahren 2010 und 2011 haben sich Land und Katholizismus stark gewandelt. Doch ist auch etwas geblieben: die Dauerbaustelle der berühmten Basilika Sagrada Família in Barcelona. Vor 15 Jahren weihte Benedikt XIV. die Kirche, das letzte Werk des spanischen Architekten Antoni Gaudí. An seinem 100. Todestag und 140 Jahre nach Baubeginn ist das Gotteshaus fast vollendet und besitzt mit dem 172,5 Meter hohen Jesus-Christus-Turm den höchsten Kirchturm der Welt. Diesen wird Leo XIV. am 10. Juni feierlich einweihen - ein Programmpunkt womöglich ganz ohne Kontroversen.
Kurz vor dem Spanienbesuch des Papstes reiste der sozialistische Regierungschef in den Vatikan - Sánchez zeigte danach begeistert, doch zwischen Staat und Kirche in Spanien ist nicht alles eitel Sonnenschein - Hintergrundbericht von Manuel Meyer (KNA)