Präsident Deutsch über neue Daten der Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien: "Der Ausnahmezustand ist Alltag"
Wien, 15.10.2026 (KAP) Insgesamt 671 antisemitische Vorfälle in Österreich hat die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) im ersten Halbjahr dokumentiert. Registriert wurden 12 physische Angriffe, 18 Bedrohungen, 68 Sachbeschädigungen, 226 Massenzuschriften und 347 Fälle verletzenden Verhaltens, teilte die IKG am Donnerstag mit. Die Statistik zeigt damit einen leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr; nach wie vor werden aber mehr als doppelt so viele antisemitische Fälle dokumentiert wie vor dem Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gaza-Krieg.
Es habe sich "nicht nur die Grenze des Sagbaren, sondern auch des Machbaren verschoben", warnte IKG-Präsident Oskar Deutsch. Auf antisemitische Worte folgten Drohungen und Angriffe gegen Jüdinnen und Juden. "Der Ausnahmezustand ist Alltag", so Deutsch.
191 der insgesamt 671 Vorfälle ordnete die Meldestelle einem muslimischen, 162 einem linken und 147 einem rechten Hintergrund zu. Bei 171 Vorfällen sei keine eindeutige ideologische Zuordnung möglich. Insgesamt erfasse man aber auch nur "die Spitze des Eisbergs", erklärte der Leiter der Antisemitismus-Meldestelle, Johannan Edelman. Die Meldebereitschaft von Betroffenen sei gering, "aus Resignation oder aus Sorge, dadurch noch stärker ins Visier zu geraten". Jede Meldung helfe aber, das tatsächliche Ausmaß sichtbar zu machen.
Wie unmittelbar sich Weltgeschehen "und damit verbundene Propaganda" auf Jüdinnen und Juden in Österreich auswirken, zeigt sich laut IKG Wien am Beispiel des Krieges von USA und Israel mit dem Iran: In den zwei Wochen nach Kriegsbeginn am 28. Februar registrierte die Meldestelle fast doppelt so viele Vorfälle wie in den zwei Wochen davor. Der März sei mit 152 Vorfällen der meldestärkste Monat des Halbjahres gewesen. Auf hohem Niveau blieb die Zahl auch im Mai, in den unter anderem der Eurovision Song Contest in Wien und die Kampagne rund um die Gaza-Flotilla fielen, so die Kultusgemeinde.
Seitens der österreichischen Bundesregierung bezeichnete Integrationsministerin Claudia Bauer laut "Austria Presse Agentur" (APA) die hohe Zahl der antisemitische Vorfälle in einer schriftlichen Mitteilung als "beschämend" und richtete ihren Fokus einmal mehr auf die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ): "Radikale Strömungen sind Gift für unser Zusammenleben, egal ob dieser Extremismus von links, rechts oder dem Islam kommt. Es sei aber "schon mehr als bedenklich, wenn ein weiteres Mal der muslimische Antisemitismus mit Abstand auf Platz 1 liegt", meinte Bauer. Hier sei die Glaubensgemeinschaft in Verantwortung.