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Hilfsorganisationen fordern vor Außenministerium 'echten Waffenstillstand' in Gaza
Caritas
Bild Copyright: © Jutta Steiner/Kathpress

Gaza: Hilfsorganisationen fordern aktives Handeln Österreichs

09.10.2026 11:39
(zuletzt bearbeitet am 09.10.2026 um 13:14 Uhr)
Österreich/Palästina/Israel/Hilfsorganisation/Krieg/Flüchtlinge/Politik/Regierung/Diplomatie
Caritas und Ärzte ohne Grenzen appellieren an Außenministerin Meinl-Reisinger, Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zu stoppen - Kritik an anhaltenden Versorgungseinschränkungen und Gewalt im Gazastreifen und Westjordanland
Wien, 09.10.2026 (KAP) Bei einer Kundgebung vor dem Außenministerium in Wien haben die Hilfsorganisationen Caritas und Ärzte ohne Grenzen am Freitag konkrete Maßnahmen von Österreichs Regierung und vor allem Außenministerin Beate Meinl-Reisinger gefordert, um die Rechte und Würde der Menschen im Gazastreifen zu wahren. Die humanitäre Lage im Gazastreifen sei auch nach dem vor genau einem Jahr vereinbarten Waffenstillstand katastrophal. "Ein Waffenstillstand, der täglich gebrochen wird, verdient seinen Namen nicht", sagte Caritas-Österreich-Vizepräsident Alexander Bodmann. Die Europäische Gemeinschaft müsse hier gemeinsam auftreten und klarmachen, dass das humanitäre Völkerrecht einzuhalten ist. Insbesondere Österreich müsse seiner Verantwortung als künftiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats gerecht werden.

Das offizielle Österreich habe im Rahmen der UN-Generalversammlung im September klare Worte zu den Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht in Gaza und im Westjordanland gefunden. Doch das allein reiche nicht aus, betonten die Hilfsorganisationen. Schon im Vorfeld der Übernahme des UN-Sicherheitsratssitzes per 1. Jänner 2027 müsse die Bundesregierung aktiv werden und dann im europäischen Gleichklang Maßnahmen setzen, forderte Bodmann im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress. Auch müsse die internationale Gemeinschaft ausreichend Finanzmittel zur Verfügung stellen, damit Hilfsleistungen möglich werden und mit dem Wiederaufbau gestartet werden könne.

Die Maßnahmen der israelischen Regierung behinderten die grundlegende Versorgung der Menschen im Gazastreifen. "Wir fordern Außenministerin Meinl-Reisinger auf, alles zu unternehmen, um diese Entwicklung zu stoppen und die Verantwortlichen für Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zur Rechenschaft zu ziehen." Die Bevölkerung in Gaza leide unter Gewalt, Zerstörung, Vertreibung, Ernährungsunsicherheit, Wasserknappheit und unzureichender medizinischer Versorgung, schilderten Bodmann und Marcus Bachmann, humanitärer Berater bei "Ärzte ohne Grenzen Österreich", die Situation vor Ort. Symbolisch für die Lage in Gaza wurden ein Krankenbett mit blutigem Laken und Hilfsgüter hinter einer Schranke vor dem Gebäude des Außenministeriums platziert.

Bodmann: "Menschenwürde ist unteilbar"

Caritas-Vizepräsident Bodmann drückte ebenso sein Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer des Terroranschlags der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 aus, bei dem 1.200 Menschen getötet und 251 Menschen als Geiseln verschleppt wurden. Auch die steigende Zahl antisemitischer Vorfälle sei nicht zu rechtfertigen. "Für uns gilt allerdings: Das Leid der einen hebt das Leiden der anderen nicht auf. Menschenwürde ist unteilbar", verwies Bodmann auf Zahlen, wonach auf palästinensischer Seite seit Beginn des Krieges 73.000 Tote, darunter 18.000 Kinder, zu beklagen seien.

Seit dem Waffenstillstand am 10. Oktober 2025 seien laut Vereinten Nationen 1.123 Menschen getötet und 3.616 verletzt worden. Mehr als 75 Prozent der Menschen könnten nicht in ihren Häusern leben. 91 Prozent der Haushalte würden unter Wassermangel leiden und 100.000 Palästinenser und Palästinenserinnen hausten in Zelten und einsturzgefährdeten Ruinen, führte Bodmann aus. Auch die Situation im Westjordanland eskaliere durch Siedlergewalt und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung: "Häuser werden besetzt und zerstört, Kinder gezielt ins Visier genommen. Seit dem Waffenstillstand gibt es täglich Angriffe mit Todesopfern und Verletzten", schilderte Bodmann. Auch dort sei der Zugang für humanitäre Hilfe eingeschränkt.

Kinder besonders betroffen

Besonders dramatisch sei die Situation für Kinder, erklärte der Caritas-Vizepräsident. "Die Kinder gehen nicht zur Schule, die medizinische Versorgung ist völlig unzureichend. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, steht der Winter mit Regenfällen, teils eisigen Temperaturen vor der Tür." Zudem lebe im Gazastreifen die größte Gruppe amputierter Kinder der modernen Geschichte. "Dass so etwas geschehen kann, ist einfach nur verstörend. Dass die Welt dabei zusieht, ist beschämend", so Bodmann.

"Ärzte ohne Grenzen"-Vertreter Bachmann schilderte die schwierigen Bedingungen für die humanitäre Hilfe im Gazastreifen, wo die Menschen dicht zusammengedrängt unter katastrophalen Bedingungen auf nur noch 35 Prozent der Gesamtfläche leben. "Die Menschen leben unter Bedingungen, die krank machen", sagte er. Ärzte ohne Grenzen versorge weiterhin Menschen mit Verletzungen infolge von Luftangriffen, Explosionen und Schusswaffengebrauch. Hinzu kämen vermeidbare Atemwegsinfektionen, Hautkrankheiten und Durchfallerkrankungen.

Das medizinische Personal leiste Hilfe unter schwierigsten Bedingungen. Viele hätten mehrfache Vertreibungen und Angriffe der israelischen Streitkräfte hinter sich, erleben müssen, wie humanitäre Helferinnen und medizinisches Personal durch Angriffe getötet wurden, und müssten in ständiger Sorge um sich und ihre Familien leben.

"Die Menschen sind enormen psychischen Belastungen ausgesetzt. Diese Entwicklungen sind keine unvermeidbare Folge des Krieges, sie sind das Ergebnis einer Politik, die den Menschen systematisch die Versorgung abschneidet", betonte Bachmann. Österreich dürfe dieses Vorgehen der israelischen Führung nicht länger decken. "Außenministerin Meinl-Reisinger muss Konsequenzen ziehen", forderte er.

Hilfsleistungen

Die Caritas Österreich unterstützt über die Caritas Jerusalem und die Partnerorganisation Catholic Relief Services (CRS) die laufenden Hilfsmaßnahmen im Gazastreifen und im Westjordanland. "Seit Oktober 2025 hat unsere Partnerorganisation CRS 622 Lkw-Ladungen mit humanitären Hilfsgütern aus Jordanien und 137 Lkw-Ladungen aus Ägypten nach Gaza transportiert und damit die humanitären Einsätze trotz anhaltender Zugangsbeschränkungen unterstützt", berichtete Vizepräsident Bodmann. Die Hilfsmaßnahmen umfassten finanzielle Soforthilfe, medizinische Versorgung, Lebensmittel und Hygieneartikel sowie Materialien für Unterkünfte und Winterausrüstung wie Decken, Matratzen, Zelte und Planen. Auch Notunterkünfte für intern vertriebene Menschen und psychosoziale Unterstützung würden bereitgestellt.

Ärzte ohne Grenzen ist in den palästinensischen Gebieten mit knapp 1.600 Mitarbeitenden im Einsatz. Die Organisation betreibt oder unterstützt medizinische Einrichtungen an 13 Standorten im Norden, Süden und Zentrum des Gazastreifens. Im Westjordanland ist Ärzte ohne Grenzen mit mobilen Teams im Einsatz und bietet unter anderem Basisgesundheitsversorgung und psychosoziale Unterstützung an. Zudem verteilt die Hilfsorganisation Trinkwasser im Gazastreifen. Im August 2026 waren es nach Angaben der Organisation täglich mehr als zwei Millionen Liter.

Diakonie: "Es geht ums Überleben"

Auch die evangelische Diakonie forderte am Freitag mit Blick auf die Lage im Gazastreifen ein rasches Handeln der österreichischen Regierung. Es brauche konkrete Maßnahmen zur Wahrung des humanitären Völkerrechts, darunter einen ungehinderten Zugang für Hilfsgüter sowie den Schutz von Gesundheitseinrichtungen, Schulen und Helfern, so Direktorin Maria Katharina Moser in einer Aussendung. Letztere leisteten trotz Waffenruhe "de facto unter Kriegsbedingungen" Hilfe. Viele seien selbst vertrieben und lebten in denselben Lagern wie die Menschen, die sie unterstützten.

Als wesentlichen Grund für die prekäre Versorgungslage nannte die Diakonie strenge Einfuhrbeschränkungen. Treibstoff, Generatoren, Ersatzteile, Medikamente und medizinische Geräte dürften als sogenannte "Dual-Use"-Produkte nur eingeschränkt eingeführt werden. Wegen des Zusammenbruchs der öffentlichen Stromversorgung fielen Abwasserpumpen aus, wodurch sich Krankheiten ausbreiteten. "Es ist unerträglich, dass Hilfe bereitsteht, aber die lebensnotwendigen Güter nicht oder nur unter enormen Schwierigkeiten zu den Menschen gelangen. Die Folgen sind verheerend, es geht ums Überleben", so Moser.

Gemeinsam mit einem kirchlichen Partner unterstützt die Diakonie provisorische Schulen in Lagern für Binnenvertriebene. Dort könnten Kinder lernen und für einige Stunden Normalität erleben. "Die Kinder versuchen zu lernen, während über ihren Köpfen Drohnen fliegen und ihre Familien nicht wissen, ob sie am nächsten Tag Wasser, Essen oder Medikamente haben werden", sagte Moser. Umso wichtiger seien Orte, "an denen sie für einige Stunden Kind sein dürfen".
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