Stabsstellen für Prävention lud zu Fachtagung - Medienethikerin Paganini mit differenziertem Blick auf Phänomen der "Christfluencer" - "Mimikama"-Faktencheck-Experte Wolf: Medienkompetenz wird immer wichtiger
Salzburg, 09.10.2026 (KAP) Unter dem Thema "Gewaltschutz im digitalen Raum. Verantwortung der Katholischen Kirche" fand am Donnerstag in Salzburg eine Fachtagung statt, zu der die Stabsstellen für Prävention der Erzdiözese Salzburg geladen hatte. Im Mittelpunkt stand laut einer Aussendung der Erzdiözese die Frage, wie die Kirche auf Gewalt, Desinformation und problematische Entwicklungen in sozialen Medien reagieren kann.
Die Medienethikerin Claudia Paganini von der Universität Innsbruck gab Einblicke in die wachsende Bedeutung sogenannter "Christfluencer", die christliche Inhalte über soziale Medien verbreiten. Durch ihre persönliche, emotionale und leicht zugängliche Art erreichten sie viele Menschen und böten Orientierung in Glaubensfragen. Gleichzeitig werfe dieses Phänomen Fragen nach religiöser Autorität, Gemeinschaftsbildung und der Gestaltung geistlicher Bindungen im digitalen Raum auf, so Paganini. Während digitale Glaubensangebote Zugehörigkeit und Orientierung schaffen können, bestehe auch die Gefahr von Vereinnahmung, Abhängigkeiten oder geistlichem Missbrauch.
"Gewalt und Missinformation im Internet sind allgegenwärtig. Selbst wenn Menschen auf christlichen Plattformen unterwegs sind, sind sie vor Missbrauch nicht gefeit", sagte Paganini. Sie verwies auf den wachsenden Erfolg von Christfluencerinnen und Christfluencer, die auch manipulativ und destabilisierend wirken können. Es gebe aber auch positive Beispiele, diese hätten jedoch noch nicht dieselbe Reichweite. Um Manipulation zu erkennen, könnten künftig Künstliche Intelligenz, gesetzliche Maßnahmen und vor allem die Medienkompetenz der Menschen einen wichtigen Beitrag leisten, so die Medienethikerin.
Wie entsteht Meinung im Internet?
Andre Wolf, Autor, Blogger und Pressesprecher der Faktencheck-Plattform Mimikama, thematisierte den Einfluss sozialer Medien auf die Wahrnehmung von Krisen. Anhand von Plattformen wie WhatsApp, TikTok, Instagram, X und Facebook zeigte er auf, wie Bilder, Schlagzeilen und persönliche Geschichten die Sicht der Menschen auf Ereignisse wie Kriege, Terroranschläge oder die Klimakrise prägten und dabei oft stärker wirkten als sachliche Informationen.
Dabei ging Wolf der Frage nach, wie Meinungen im Internet entstehen und welche Rolle Verschwörungstheorien sowie vereinfachte Erzählmuster dabei spielen. Er erläuterte, warum Orientierung in digitalen Krisenzeiten zunehmend schwieriger wird und weshalb Medienkompetenz, die kritische Einordnung von Informationen sowie Prävention wichtige Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Inhalten und den Gewaltschutz im Netz sind.
"Der aktuelle Medienbruch durch soziale Medien und das Smartphone wird durch KI zusätzlich verschärft. Durch bewusste Desinformation kommt es zu einer Erosion der Realität durch KI-Inhalte, die täuschend echt sind. Selbst traditionelle Medien sind vor KI-Fake-News nicht gefeit", warnte Wolf. Geschichten müssten neu erzählt, Unsicherheit benannt und Vertrauen durch Transparenz geschaffen werden.
In der anschließenden Diskussionsrunde wurde von den Referierenden die Notwendigkeit betont, dass Spannungen und Widersprüche ausgehalten und die Expertise junger Menschen hereingeholt werden sollen. Die digitale Welt müsse als Realität anerkannt werden. Wichtig sei es, Kinder und Jugendliche dabei zu begleiten und sie in Punkto Suchtresilienz zu stärken. Auch das "präsente Dasein" und aktive Zuhören ohne Bewertung sei grundlegender Bestandteil zum Schutz vor digitalen Abhängigkeiten.
Kirchen will Verantwortung wahrnehmen
Barbara Rampl, Leiterin der Stabsstelle für Prävention von Missbrauch und Gewalt der Erzdiözese Salzburg, zog eine zufriedene Bilanz der Tagung: "Als Kirche wollen wir den Herausforderungen der digitalen Welt mit Zuversicht, Fachkompetenz und einer klaren Haltung begegnen, Menschen stärken, sichere Räume schaffen und Beziehungen im digitalen wie analogen Raum achtsam und verantwortungsvoll gestalten."
Die diözesanen Stabsstellen für Prävention von Missbrauch und Gewalt wurden 2011 eingerichtet. Ihr Ziel ist es, durch Sensibilisierung, Beratung und Schulungen ein gewaltfreies und respektvolles Miteinander zu fördern sowie sichere Orte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schaffen. Zu ihren zentralen Aufgaben zählen die Präventionsarbeit zu den Themen Macht und Gewalt in den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen, die Unterstützung und Professionalisierung von Haupt- und Ehrenamtlichen, die Begleitung bei der Erstellung von Schutzkonzepten sowie deren Autorisierung.