Irland: Grabung bei früherem Kinderheim deutet auf Sarg-Bestattungen
09.10.202611:59
Irland/Geschichte/Kirche/Justiz
Bisherige Befunde auf Gelände einer Ordensgemeinschaft stützen die Darstellung einer 'Entsorgung' der Kinderleichen in einem Abwassertank nicht
Dublin, 09.10.2026 (KAP) Bei Ausgrabungen auf dem Gelände eines früheren Mutter-Kind-Heims im irischen Tuam sind bislang die sterblichen Überreste von 109 Menschen entdeckt worden. Dabei wurden bei allen Hinweise auf eine Bestattung in Särgen gefunden. Das geht aus einem Bericht der zuständigen staatlichen Untersuchungsstelle hervor, über den die britische BBC und das US-Portal OSV News (Mittwoch) berichteten. Die Befunde präzisieren die bisherigen Erkenntnisse über die Bestattungspraktiken. Die im staatlichen Untersuchungsbericht von 2021 dokumentierten Missstände, darunter eine hohe Kindersterblichkeit und die Stigmatisierung unverheirateter Mütter, werden dadurch nicht infrage gestellt.
Das Heim St. Mary's im County Galway wurde von 1925 bis 1961 von den Bon-Secours-Schwestern im Auftrag des irischen Staates betrieben. Die Lokalhistorikerin Catherine Corless hatte 2014 Sterbeurkunden für 796 Kinder und Säuglinge ermittelt, jedoch kaum entsprechende Bestattungsnachweise gefunden. 2017 wurden bei Untersuchungen auf dem Gelände zahlreiche menschliche Überreste in unterirdischen Kammern entdeckt, die Teil eines früheren Abwassersystems waren. In der Folge wurde international vielfach berichtet, die Kinder seien in einer Klärgrube "entsorgt" worden. Corless betonte später, sie selbst habe diese Formulierung nicht verwendet.
Die seit Juli 2025 laufenden Ausgrabungen zeigen nach Angaben der Untersuchungsstelle, dass die bislang geborgenen Kinder in Särgen bestattet worden waren, die inzwischen verrottet sind. Laut einem früheren Zwischenbericht waren die meisten Särge weiß gestrichen. In einzelnen Fällen fanden sich Hinweise darauf, dass zwei oder drei Menschen in einem Sarg beigesetzt worden waren. Der bislang untersuchte Bereich liegt im Südwesten des Geländes und ist in historischen Unterlagen als Begräbnisstätte ausgewiesen. Der Bereich unter dem heutigen Gedenkgarten, in dem man 2017 die Funde machte, ist noch nicht vollständig ausgegraben.
Die neuen Erkenntnisse erlauben keine abschließende Aussage darüber, unter welchen Umständen die Kinder starben oder wie würdevoll sie bestattet wurden. Auch die Frage, weshalb über Jahrzehnte kaum Bestattungsunterlagen vorlagen, bleibt offen. Die Ausgrabungen sollen bis 2027 dauern; weitere Arbeiten zur Identifizierung der Toten sind anschließend vorgesehen. Bis Ende September wurden 74 DNA-Referenzproben von Angehörigen genommen, um die sterblichen Überreste möglichst identifizieren zu können.
Ein 2021 veröffentlichter staatlicher Abschlussbericht über irische Mutter-Kind-Heime dokumentierte die gesellschaftliche Stigmatisierung unverheirateter Mütter sowie eine unverhältnismäßig hohe Kindersterblichkeit. Nach dem Bericht waren die örtlichen Behörden für die Bestattungen in Tuam zuständig; ausreichende Bestattungsregister wurden nicht geführt. Der Vorsitzende der Irischen Bischofskonferenz, Erzbischof Eamon Martin, entschuldigte sich bei Überlebenden und Betroffenen für die Beteiligung der Kirche an Ausgrenzung und Stigmatisierung. Auch die Bon-Secours-Schwestern entschuldigten sich für die "respektlose und inakzeptable Art", in der einige Kinder bestattet worden waren. Der Orden beteiligt sich mit 2,14 Millionen Pfund an den Kosten der Ausgrabungen.