Kardinal Nemet: Kirche sollte Angst vor Demokratie ablegen
17.09.202611:22
Österreich/Kirche/Religion/Demokratie/Synodalität
CCEE-Vizepräsident bei Synodalitäts-Symposium in Puchberg: Als Verteidigerin von Demokratie nach außen sollte Kirche deren Prinzipien auch intern vertreten und bestehende Möglichkeiten besser nutzen - Erzbischof Lackner: Offener Austausch gibt Hoffnung - Rektor Fuchs: Universität kann beitragen, "dass Entscheidungen besser getroffen werden"
Linz, 17.09.2026 (KAP) Kardinal Ladislav Nemet hat zum Abschluss des Symposiums über Synodalität in Puchberg bei Wels den Blick vor allem auf die innerkirchlichen Voraussetzungen für Synodalität und auf die Rolle der Kirche in Europa gerichtet. Dabei zog er in seinem Resümee am Mittwochabend überraschend deutliche Parallelen zu demokratischen Prinzipien. "Die Pluralität, also Vielfalt der Kirche" zeige, dass es "viele ähnliche, parallele Ideen" zur Demokratie gebe, sagte Nemet. Dazu gehörten Partizipation und Repräsentation ebenso wie Transparenz und Verantwortlichkeit.
Zwar sei die Kirche "keine Demokratie" im engsten Sinne. "Die Regel der Mehrheit gibt es in der Kirche nicht." Dennoch stelle sich die Frage, warum die Kirche Demokratie nach außen verteidige - in den jüngsten Jahren zunehmend als eine ihrer engagiertesten Anwälte - während sie sich innerkirchlich davon abgrenze.
Ein Hindernis für Veränderungen seien Ängste, die man sich eingestehen müsse. Dazu gehörten die Angst, nicht verstanden oder ausgeschlossen zu werden, aber auch Ängste vor Veränderungen in Liturgie und Lehre. Dabei gebe es innerhalb der geltenden kirchlichen Ordnung bereits größere Handlungsspielräume als vielfach angenommen. "Jeder Bischof kann in seiner Diözese so viele Dinge ändern und tun. Die entscheidende Frage ist: Wie viele Bischöfe haben den Mut, etwas zu tun? Nur wenige - das ist meine Erfahrung", so der Erzbischof von Belgrad.
Dialog mit der Wissenschaft
Auch Befürchtungen, der synodale Prozess ziele auf eine Änderung der Lehre, wies Nemet zurück. Der 2021 begonnene Prozess habe "niemals das Ziel gehabt, die Doktrin zu ändern". Zugleich müsse die Kirche offen für wissenschaftliche Erkenntnisse bleiben und dürfe "nicht in einer Blase leben". Der Mensch sei "kein fertiges Produkt", sondern entwickle sich weiter. Als Beispiel nannte Nemet die Bibelwissenschaft, deren Erkenntnisse geholfen hätten, den historischen und religiösen Kontext Jesu besser zu verstehen.
Nemet würdigte weiters die Rolle des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), deren Vizepräsident er ist, und äußerte den Wunsch nach "mehr Mut und Kraft", damit die europäischen Bischofskonferenzen "mit einer starken Stimme" auftreten könnten. Auch eine Fortsetzung des in Prag und Linz begonnenen, nun in Puchberg wieder aufgenommenen Austauschs sei im Gespräch.
Lackner sieht "Hoffnungsschimmer"
Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner betonte in seinen Schlussworten die Bedeutung der Hoffnung. Ihn beschäftige seit Jahren die Frage, "was sich von einer Anfangsbegeisterung durchhält" und was nach einer langen Wegstrecke noch Bestand habe. Als biblisches Hoffnungsbild verwies Lackner auf die Berufung des Samuel. Geschildert werde eine Zeit, in der "Worte des Herrn selten" und "Visionen nicht häufig" gewesen seien, zudem laufe der junge Samuel nach dem Vernehmen von Gottes Stimme zunächst "meist in die verkehrte Richtung". Doch dann heiße es: "Aber die Lampe Gottes war noch nicht erloschen." Das sei ein "Hoffnungsschimmer" auch für die Kirche in Österreich und Europa. Hoffnung sei "die unaufdringlichste und demütigste Form von Glauben", so er Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz.
Lackner zeigte sich zugleich beeindruckt von der Offenheit der Gespräche in Puchberg. In seiner Gruppe sei "sehr ehrlich" darüber gesprochen worden, "wie es Menschen als Christinnen und Christen geht". Europa habe der Welt weiterhin viel zu geben und einiges zu sagen. Das könne aber nur gemeinsam geschehen.
Neue "Gesprächsräume" eröffnet
Der Rektor der Katholischen Privat-Universität Linz (KU), Christoph Fuchs, hob als Ertrag des Symposiums vor allem das gegenseitige Lernen von Wissenschaft und kirchlicher Praxis hervor. An den 21 Beratungstischen der Versammlung hätten "Bischöfe, pastorale Dienste, engagierte Laien, Ordensleute und Forscher" in derselben Runde diskutiert. "Die Theologie findet ihre Fragen in dem, was tatsächlich in den Ortskirchen vor sich geht", sagte Fuchs. Umgekehrt bringe die Kirche Kriterien zur Unterscheidung ein. Ohne diese könne Synodalität zu einer "reinen Frage der Prozedur" oder einer bloßen "Geistesstimmung" werden.
Dass in Puchberg keine Entscheidungen getroffen wurden, habe neue Gesprächsräume eröffnet, so der KU-Rektor. Die Universität könne dazu beitragen, "dass Entscheidungen besser getroffen werden" und bessere Verfahren innerhalb von Kirche und Gesellschaft entstehen. - Die KU Linz mit ihrer Abteilung für Synodalität hatte gemeinsam mit der Forschungsgruppe Synodalität die Tagung in Puchberg organisiert.