Mexikos Religionskrieg vor genau 100 Jahren wirkt bis heute nach
05.06.202613:06
Mexiko/Wissenschaft/Geschichte/Christentum/Kirche
Fast exakt auf den Tag genau 100 Jahre vor dem Anstoß zur Fußball-WM 2026 begann in Mexiko ein äußerst blutiger Bürgerkrieg - mit rund 200.000 Toten. Was konnte die Bevölkerung damals derart in Rage bringen?
Mexiko-Stadt, 05.06.2026 (KAP) Ab 11. Juni rollt in Mexiko der Ball zur Fußball-WM! Das Weltturnier soll ein Highlight in der jüngeren Geschichte des Landes werden. Exakt 100 Jahre zuvor aber braute sich so richtig was zusammen: Am 21. Juni 1926 unterzeichnete der Staatspräsident und Offizier Plutarco Elías Calles (1877-1945) ein nach ihm benanntes Gesetz, das sich frontal gegen die Kirche richtete. Die Volksseele kochte; ein beispielloses Blutvergießen war die Folge.
Außenpolitisch kämpfte Calles vor allem gegen massive wirtschaftliche und politische Einflussnahme der USA und ausländischer Erdölgesellschaften. Im Inneren bekämpfte er Großgrundbesitzer und die einflussreiche katholische Kirche. Der Konflikt zwischen aggressivem Antiklerikalismus des Staates und Kirche war ein Erbe der Mexikanischen Revolution (1910-1917), in deren Verlauf etliche Priester ermordet wurden.
Die Verfassung von 1917 enthielt schon viele kirchenfeindliche Bestimmungen. Dazu kam im Februar 1925 die Gründung einer - von Rom unabhängigen - mexikanischen Staatskirche, die jedoch zunächst nicht zog. Präsident Calles legte nun mit einem ganzen Bündel antikirchlicher Bestimmungen nach. Sie schränkten die öffentliche Religionsausübung massiv ein und stellten die Kirche unter Staatskontrolle.
Eingriff in Glaubensleben
Kircheneigentum wurde entzogen, Religionsunterricht ebenso verboten wie religiöse Symbole, öffentliche Gottesdienste und Prozessionen. Priester mussten sich registrieren lassen und mexikanischer Herkunft sein. Zahlenmäßig wurden sie pro Bundesstaat begrenzt. Jede Kritik am Staat war ihnen untersagt, unter hohen Geldstrafen oder Gefängnis. Der Staat war befugt, Kirchengebäude, Klöster oder Schulen zu schließen oder zu konfiszieren; viele Ordensgemeinschaften wurden verboten.
Für die katholisch geprägte, meist kleinbäuerliche Bevölkerung war das ein eklatanter Eingriff in ihre religiöse Identität. Für sie war die Kirche ein unverzichtbarer Bestandteil des Alltagslebens; sie bot spirituelle Zuflucht, moralische Anleitung und politische Ausrichtung. Viele Menschen waren also bereit, "ihre" Kirche gegen Angriffe eines "gottlosen Staates" und seiner Funktionäre zu schützen.
Viva Cristo Rey!
Als die Bischöfe Ende Juli 1926 aus Protest alle Gottesdienste aussetzten, griffen Tausende zu den Waffen, um die Regierung zu stürzen. Die sogenannten Cristeros - Laien vom Land und ganze Dorfgemeinden - erhoben sich gegen den Staat; auch Priester beteiligten sich. Der Name der Aufständischen leitet sich vom Ruf "¡Viva Cristo Rey!" (Es lebe Christus, der König) ab, mit dem sich Widerständige im Verhör zur Kirche bekannten.
Die Regierung, militärisch und technisch überlegen, verstärkte ihre Repressionen mit Massenverhaftungen, Vertreibung und Militärmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung: Die Lage war zum blutigen Bürgerkrieg eskaliert, dem Guerra Cristera (Cristero-Krieg). Beide Seiten gingen mit äußerster Brutalität vor, auch gegen Frauen und Kinder. Folter und Vergewaltigung, Massenhinrichtungen, verbrannte Erde. Bis zu 200.000 Menschen ließen ihr Leben.
Im April 1927 überfielen rund 400 Bewaffnete den Zug Mexiko-Guadalajara und setzten ihn in Brand. Es heißt, vier Priester hätten den Überfall angeführt. Präsident Calles ließ darauf sämtliche Bischöfe aus Mexiko ausweisen - und, wohl gegen besseres Wissen, mehrere Cristeros wegen angeblicher Beteiligung am Attentat hinrichten. Einer von ihnen wurde später seliggesprochen.
Jahrzehntelange Repressionen
Formal endete der Bürgerkrieg 1929 durch einen Modus Vivendi (span. "arreglos") zwischen Regierung und Kirche, der unter diplomatischer Vermittlung von US-Botschafter Dwight Morrow zustandekam. Im Wesentlichen verzichtete der Staat darin auf die Anwendung der Gesetze von 1917. Die Kirche erhielt Gebäude zurück, durfte wieder Gottesdienste feiern, und den Aufständischen wurde Amnestie zugesichert. Umgekehrt sollte sich die Kirche bei der Einforderung von Rechten zurückhalten.
Allerdings wurde die Vereinbarung lokal grob verletzt. Repressionen hielten regional noch Jahre an. Entwaffnete Cristeros wurden noch über Jahre verfolgt und getötet. Wie dramatisch die Lage der Kirche in Mexiko in den 1920er und 30er Jahren war, belegen nicht zuletzt drei Enzykliken von Papst Pius XI., in denen er 1926 bis 1937 Gewalt gegen Priester und die Unterdrückung der Kirche dort anprangerte.
Die Nachwirkungen und Erinnerung an die Verfolgung begleiten viele mexikanische Familien bis heute. So berichtete etwa die soeben erst von Papst Leo XIV. ernannte neue Präfektin für das Kommunikations-Dikasterium im Vatikan, die Mexikanerin Maria Montserrat Alvarado, ihre Urgroßeltern hätten während der Cristero-Kriege kirchlich nur im Verborgenen heiraten und ihre Kinder heimlich taufen lassen können. Die Erfahrungen der Familie hätten ihr eigenes Engagement für Religionsfreiheit geprägt.
Tabu wirkt weiter nach
In der mexikanischen Geschichtsschreibung wird diese inoffizielle Fortführung des Cristero-Krieges über 1929 hinaus bislang nicht genug thematisiert, wie zuletzt wissenschaftliche Tagungen zum Jubiläum ergaben. Überhaupt sei dieses Kapitel der Geschichte Mexikos auch nach 100 Jahren noch in einer gewissen Tabuzone, so der argentinische Priester und Historiker Javier Olivera Ravasi. Um alte Wunden nicht neu aufzureißen, hätten Staat wie Kirche über Jahrzehnte einen Mantel des Schweigens darüber gebreitet.
Über den 2012 erschienenen Hollywood-Film zum Thema - "Gottes General - Schlacht um die Freiheit" - berichtete Rubén Quezada, damals Autor des Begleitbuches, der Film sei in vielen Städten Mexikos boykottiert worden. Antikatholische Ressentiments bestünden fort, auch wenn sie heute subtiler aufträten, so Quezada in einem Interview des Portals Aciprensa vom Februar. Über Jahrzehnte sei der Krieg aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt worden. Nach 1929 habe es "eine Regierungsanordnung gegeben, dass nichts veröffentlicht, nichts verbreitet werden durfte". Der Cristero-Krieg sei faktisch tabu gewesen. Aus Angst vor Repression hätten Katholiken geschwiegen, und ganze Generationen hätten in der Schule nichts über die religiöse Verfolgung erfahren.
Auch bei der Produktion des Films habe sich diese Kultur tiefen Schweigens bemerkbar gemacht. "Viele Gouverneure oder Bürgermeister wollten nicht, dass der Film bei ihnen gedreht wird", sagte Quezada. In manchen Kinos habe es subtile Boykotte gegeben: "Sie schlossen das Kino und behaupteten, die Karten seien ausverkauft - obwohl kaum jemand drin war."
Papstbesuch als Wende
An Mexikos Staatsspitze standen über 120 Jahre zumeist militante Atheisten oder Agnostiker. Eine gewisse Wende brachte der Besuch von Johannes Paul II. 1979. Einige Politiker protestierten, weil der Papst in seiner weißen Soutane erschien - obwohl das nach damaligen Gesetzen noch verboten war. Doch der junge Papst aus Polen mobilisierte Hunderttausende. Die Reise wurde zum Triumphzug - nachdem die mexikanische Regierung zunächst noch Priestern im Gewand die Teilnahme untersagen wollte.
In den folgenden Jahren trat die Kirche selbstbewusster auf, begann autoritäre Politiker infrage zu stellen und äußerte sich verstärkt zu sozialen Fragen. 1992 dann wurden in einer Verfassungsreform die Beziehungen zwischen Kirche und Staat weitgehend normalisiert; im selben Jahr nahmen Mexiko und der Heilige Stuhl diplomatische Beziehungen auf.
2016 besuchte der Papst aus Lateinamerika, Franziskus, Mexiko. Und im selben Jahr sprach er in Rom den Aufständischen José Sánchez del Rio heilig - der 1928, mit nicht mal 15 Jahren, nach schwerer Folter hingerichtet wurde.