Barcelonas Sagrada Família zwischen Spiritualität und Massentourismus
05.06.202612:22
Spanien/Kirche/Kultur/Glaube/Tourismus
Wie die Kirchengemeinde inmitten des Trubels ihren Glauben lebt - Von Manuel Meyer (KNA)
Barcelona, 05.06.2026 (KAP/KNA) Während sich vor der Sagrada Família in Barcelona lange Touristenschlangen bilden, erhebt Pfarrer Josep Maria Turull in der Krypta der weltberühmten Basilika seine Stimme zum Gebet. Seine tägliche Morgenmesse ist - wie immer - gut besucht. Auch diesmal sind fast 100 Gläubige erschienen.
Die meisten gehören seiner Gemeinde an, stammen aus der Nachbarschaft. Neben dem Altar befindet sich im flackernden Kerzenlicht das Grab von Antoni Gaudí, dem Architekten des Gotteshauses. Zu dessen 100. Todestag will Papst Leo XIV. am Mittwoch (10. Juni) den kürzlich fertiggestellten 172,50 Meter hohen Christus-Turm segnen.
"Bibel aus Stein"
Die Krypta ist ein Ort der Ruhe und Andacht. Der Kontrast zu dem, was oben im Kirchenschiff und vor der Basilika passiert, könnte kaum größer sein. Rund 14.000 Menschen besuchen täglich die Kirche. Deutlich mehr bestaunen Gaudís "Bibel aus Stein" von außen. Allein im vergangenen Jahr besuchten fast fünf Millionen Menschen die Sagrada Família.
Pfarrer Turull räumt ein, dass es in seiner Kirche "zwei Realitäten" gebe: jene des Massentourismus und jene der praktizierenden Katholiken aus der Umgebung. "Durch die klare Trennung zwischen Krypta und Kirche gelingt uns ein relativ normales, spirituelles Gemeindeleben", sagt er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Er zählt beeindruckende Zahlen von Taufen, Hochzeiten, Erstkommunionfeiern und Katechese-Seminaren auf. Unter der Woche finden täglich drei Gottesdienste statt - jeweils einer auf Spanisch, Katalanisch und auf Englisch. "Die seelsorgerische Arbeit kommt bei uns nicht zu kurz. Ganz im Gegenteil", sagt der Rektor der Sagrada Família.
Architektur mit spiritueller Kraft
Doch können Besucher angesichts der Touristenmassen wirklich noch echte Spiritualität jenseits der Krypta finden? "Aber natürlich!", versichert Ordensschwester Milagros. Die 80-Jährige ist mit einer Gruppe anderer Schwestern extra aus Logroño angereist, um das eindrucksvolle Gebäude zu besuchen.
"Von dieser einzigartigen Architektur geht eine spirituelle Kraft aus, die einfach jeden - ob gläubig oder nicht - in irgendeiner Weise erfassen muss", schwärmt sie. "Eine unbeschreibliche Erfahrung. Ich habe noch niemals in meinem langen Leben solch eine Kirche gesehen."
Die spirituelle Wirkung der Basilika beginne bereits vor dem Betreten des Innenraums, bestätigt Pfarrer Turull. An den Fassaden erzählen Skulpturen wie eine mittelalterliche Armenbibel die Geschichte Jesu. Drinnen überraschen organische Formen, geschwungene Giebel, bunte Ornamente. Die Säulen des Kirchenschiffs wirken wie ein Wald aus verzweigten Bäumen, die an der Decke ein abstraktes Blätterdach bilden. "Mit ihrer Einzigartigkeit und Schönheit gelingt es der Sagrada Família, in jedem etwas auszulösen. Viele kommen als Touristen und gehen als Pilger", erzählt Turull.
Kritik der Anwohner
Gabriel Mercadal bezweifelt dies. "Wie sollte eine Selfie-Session so etwas bewirken? Was wir hier sehen, ist doch kein religiöser Tourismus mehr", sagt der Vorsitzende der Nachbarschaftsvereinigung Sagrada Família. Während die Touristen Gaudís Gotteshaus bestaunen, leiden viele Anwohner unter den Schattenseiten des Massenbetriebs.
"Wir Anwohner haben nichts gegen die Sagrada Família. Sie ist wunderschön und war einst unsere Pfarrkirche. Doch heute gehört sie den Touristen und ist eine gigantische Geldmaschine. Früher war es ein Privileg, hier zu leben. Jetzt ist es der reinste Horror", klagt der ehemalige Biologie-Lehrer. Er berichtet vom Lärm, dem Müll und explodierenden Mieten.
"Immer mehr Menschen und Geschäfte werden dadurch verdrängt. Normale Geschäfte für die Anwohner gibt es kaum noch", sagt Silvia Gil, Präsidentin der Geschäftsvereinigung des Stadtviertels. Sie selbst betreibt einen Copyshop nahe der Sagrada Família. Wo früher Obstläden, Bekleidungsgeschäfte und Metzgereien waren, reiht sich heute ein Souvenirshop an den nächsten - dazwischen internationale Fastfood-Ketten. Gil befürchtet, dass mit dem Papstbesuch und dem nahenden Ende der andauernden Bauarbeiten alles noch schlimmer wird.
Stadt will Tourismus eindämmen
Mateu Herández Maluquer, Generaldirektor des Tourismusamts, beschwichtigt: "Jährlich besuchen uns 16 Millionen Touristen - und diese Zahl wird nicht sonderlich steigen." Man habe in Barcelona die Zahl der Hotelbetten auf die aktuell bestehenden 156.000 limitiert. Es dürften auch keine neuen Hotels eröffnet werden. Lizenzen für zusätzliche Touristenapartments würden ebenfalls nicht mehr vergeben. Zudem würden 10.000 auslaufende Lizenzen nicht erneuert, um Wohnraum für die Bevölkerung zu schaffen, so der Tourismus-Direktor. Dies werde sicher Wirkung zeigen.
Nachbarschaftsvertreter Mercadal ist sich da nicht so sicher. Er fordert mehr städtische Schutzmaßnahmen für die Anwohner: "Ansonsten verkümmert das Viertel gänzlich zu einem religiösen Themenpark für Touristen."