Hitzige Debatte um Einladung Peter Thiels zu Wiener Festwochen
29.05.202619:08
Österreich/Kultur/Politik/Kunst/Festwochen
Festivalintendant Rau bei öffentlicher Debatte u.a. mit Theologen Palaver mit heftigen Vorwürfen konfrontiert
Wien, 29.05.2026 (KAP) Die Wiener Festwochen haben mit der Einladung des US-amerikanischen Tech-Milliardärs Peter Thiel für heftige Reaktionen gesorgt. Entsprechend hoch war die Anspannung bei der öffentlichen Debatte unter dem Titel "Soll Peter Thiel bei den Wiener Festwochen sprechen?" im Odeon Theater am Freitag. Neben vielen Befürwortern der Einladung hagelte es scharfe Kritik, insbesondere an Festivalintendant Milo Rau, der harte Vorwürfe einstecken musste: Thiel sei kein "Grenzgänger", sondern ein echter Krimineller. Rau nehme die Aufmerksamkeit von anderen Kunstschaffenden, er ziehe berufliche Vorteile aus der Einladung, er stehe gern in den Schlagzeilen und biete einem faschistoiden Machtdespoten eine Bühne. Eine Stimme aus dem Publikum schlug vor, Thiel bei der Veranstaltung aktionistisch zu verhaften.
Kritik gab es auch aus den eigenen Reihen - aus dem Team des Festivals, von auftretenden Kunstschaffenden und Mitgliedern des sogenannten "Rats der Republik", der im Kern aus 80 Wiener Bürgerinnen und Bürgern, internationalen Kunstschaffenden und Intellektuellen besteht, die das gesamte Festival begleiten. Man sei enttäuscht von Rau, "denn wer Extremisten eine Plattform gibt, normalisiert ihre Positionen", sagte ein Ratsmitglied.
Rau verteidigt Einladung Thiels
Rau konterte, er hole damit einen der mächtigsten Männer vor den Vorhang, um ihn vor demokratischer Kulisse mit einem antagonistischen Setting zu konfrontieren. Thiel sei ein Mensch, dem er maximal widerspreche, und es gebe auch bei der Veranstaltung keinen Grund, mit ihm gleicher Meinung zu sein. Vielmehr wolle man die inhumane Seite des Tech-Bros zeigen.
Zudem würde die Veranstaltung mit Thiel nach den "Spielregeln" der Festwochen ablaufen: Es wird einen offenen Verlauf geben, absolute Öffentlichkeit, Journalisten werden anwesend sein und es werde eine politische Gewichtung geben. "Einschränkungen wird es schlichtweg keine geben", betonte Rau.
Palaver: Ausladung Thiels wäre vergebene Chance zur Kritik
Auch der Theologe und Thiel-Kenner Prof. Wolfgang Palaver, der eine öffentliche Debatte zum Thema "Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik" mit Thiel am 7. Juni im Hotel InterContinental führen soll, fand sich in einer defensiven Position wieder. Er habe den Eindruck, dass viele Medien und Menschen nicht "kapieren" würden, was Thiel überhaupt macht. "Es ist wichtig zu verstehen, wie Menschen, die solche große Macht haben, ticken, denn guten Widerstand und alternative Modelle kann man nur dann fördern, wenn man sich nicht mit groben Etiketten zufriedengibt."
Argumente, dass man Thiel nicht salonfähig machen dürfe, seien haltlos, wie er im Interview mit Kathpress erklärte. "Das braucht er doch gar nicht. Er wird ja ohnehin fast jeden Tag in den Medien erwähnt." Ihn nun auszuladen, bedeute die große Chance zu vertun, ihm Fragen zu stellen und seine Thesen kritisch zu diskutieren, betonte der Theologe. Er teile manche Diagnosen mit Thiel - auch wenn er daraus andere Schlüsse ziehe: "Wir erkennen die apokalyptische Lage, in der sich die Welt befindet. Doch wie wir damit umgehen - dort gehen unsere Wege auseinander", so Palaver.
"Auch wenn wir ihn für einen Faschisten halten ..."
Auch andere Stimmen pflichteten ihm bei. Es sei sehr wohl gerechtfertigt, einen Mann, der so viel Einfluss auf die US-amerikanische Regierung und US-Vizepräsident James David Vance, den möglicherweise nächsten Präsidenten, hat, zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Solche fanatischen Szenarien und Gebetskreise im Weißen Haus seien nicht zu ignorieren. "Auch wenn wir ihn für einen Faschisten halten" - mit Palaver gebe es einen kompetenten Gesprächspartner, der seine Haltung in einen sachlichen Kontext stelle. Thiel habe jedes Podium, das er will, "und in dem Gesprächsformat müsse er sich mal verantworten, welchen Schaden er anrichtet", und seine religiösen Ansichten erklären, meinten andere.
Die Wiener Festwochen bzw. die Freie Republik Wien wollen "Cancelling" laut eigenen Angaben grundsätzlich vermeiden und kennen gar ein eigenes "Cancel-Prozedere". Entsprechend der "demokratischen Verfassung der Freien Republik Wien" wird nun weiter beraten. Auf Basis der offenen Debatte am Freitag und den internen Gesprächen wird die Geschäftsführung der Wiener Festwochen am Samstag, 30. Mai, eine Entscheidung treffen, ob die Veranstaltung wie geplant stattfinden kann
Die Veranstaltung am 7. Juni lässt rund 600 Besucherinnen und Besucher zu. Der Ticketverkauf startet am 2. Juni. Einen Livestream wird es aus rechtlichen Gründen keinen geben. Die vollständige Aufnahme wird zu einem späteren Zeitpunkt von den Wiener Festwochen zur Verfügung gestellt.
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