Dramatische Berichte von heimischen Hilfsorganisationen - 1,5 Mio. Menschen laut Hilfswerk ICO vertrieben
Linz/Wien/Beirut, 28.05.2026 (KAP) Als absolut dramatisch hat der Libanon-Experte Stefan Maier vom österreichischen Hilfswerk "Initiative Christlicher Orient" (ICO) die Lage im Libanon beschrieben. Im Süden des Landes setze die israelische Armee ihre Politik der verbrannten Erde fort, die Ortschaften würden dem Erdboden gleichgemacht, um eine Rückkehr der Bewohner unmöglich zu machen, berichtete Maier in der Ö1-Sendung "Religion aktuell" (Mittwochabend). Die Zahl der Vertriebenen sei riesig.
Laut ICO wurden im Libanon bereits rund 1,5 Millionen Menschen vertrieben. Die aus dem Süden stammenden Menschen suchten in anderen Landesteilen Schutz und Zuflucht. Über die Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Schwestern in Ajeltoun hilft die ICO nach wie vor mit, zumindest einige der Vertriebenen in dieser schwierigen Phase zu unterstützen. Die Menschen würden mit Nahrungsmitteln, Hygieneartikel oder auch Medikamenten versorgt, so Maier. Weitere Spenden seien dringend notwendig.
In die gleiche Kerbe schlug in der Ö1-Sendung auch die Ordensfrau Annie Demerjian von der Gemeinschaft Sisters of Charity of Jesus and Mary. Sie berichtete aus der libanesischen Hauptstadt Beirut. "In Beirut herrscht Angst. Unser Team unterstützt aber weiter nach Kräften Vertriebene, vor allem Mütter mit Kindern, mit Nothilfe sowie psychologischer Hilfe." Der Hilfsbedarf sei riesig und es brauche weit mehr internationale Hilfe, so die Ordensfrau, die von den Päpstlichen Missionswerken "Missio" unterstützt wird.
Auch die Wienerin Waltraud Torossian-Brigasky ist wieder im Libanon vor Ort. Sie setzt sich für Binnenvertriebene im ostlibanesischen Ort Anjar ein. Rund 1.000 Menschen aus den umkämpften südlichen Landesteilen haben in dem armenisch geprägten Ort Zuflucht gefunden. In Anjar selbst sei es ruhig, doch nicht weit entfernt gebe es heftige Bombardierungen, so Torossian-Brigasky in einem aktuellen Bericht, der auch der Nachrichtenagentur Kathpress vorliegt. "Drohnen kreisen 24 Stunden über uns", so Torossian-Brigasky. Die Städte Nabatieh und Tyrus seien schwer betroffen, die Bevölkerung von Nabatieh, mehr als 20.000 Bewohner, seien aufgefordert worden, die Stadt zu verlassen. Die Frage sei nur, wohin sie flüchten sollen, so die Wiener Helferin. Sie befürchtet: "Auch Beirut wird nicht verschont bleiben."
Aktive Nächstenliebe
Der Krieg im Libanon hat nach Beobachtung eines maronitischen Erzbischofs nicht nur neue Spannungen und Leid verursacht, sondern an manchen Orten auch unerwartete Begegnungen ermöglicht: Christen und schiitische Muslime seien sich inmitten von Flucht, Angst und Vertreibung nähergekommen. Viele Muslime seien von der Hilfsbereitschaft der Kirche positiv überrascht und berührt. Darauf hat Erzbischof Hanna Rahmé von der maronitischen Erzdiözese Baalbek-Deir El-Ahmar im Gespräch mit dem internationalen katholischen Hilfswerk "Kirche in Not" (ACN) hingewiesen.
"Die Gewalt, die sich anfangs gegen die Schiiten gerichtet hat, greift inzwischen auch auf Christen über", erklärte der Erzbischof. Noch immer würden Dörfer angegriffen und Menschen seien gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Zugleich habe die Krise jedoch Erfahrungen ermöglicht, die viele überrascht hätten.
Zum Hintergrund: Die Angriffe gegen Stellungen der schiitischen Hisbollah im Südlibanon ziehen immer mehr auch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft. Betroffen sind Muslime und Christen, da es in der Region einige christlich geprägte Dörfer gibt. Durch die Rolle der schiitischen Hisbollah im Konflikt begegnen sich die Bevölkerungsgruppen teilweise mit Misstrauen.
Wie Rahmé berichtete, seien viele Christen überrascht gewesen, als schiitische Muslime sie um Hilfe baten. Dennoch habe die Kirche Hilfesuchende unabhängig von ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit in Pfarrzentren und Privathäusern aufgenommen. "Wir alle wollen den Terrorismus beenden, aber nicht durch Gewalt", sagte der Erzbischof. Die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen seien aufgerufen, Wege des Dialogs zu fördern und zu begleiten.
Nach Einschätzung des Erzbischofs habe der Krieg vielen Menschen die besondere Rolle der Kirche neu vor Augen geführt. "Der Krieg hat vielen Menschen bewusst gemacht, dass es das Charisma der Kirche ist, zu Frieden und Zusammenleben aufzurufen, auch wenn andere Stimmen Gewalt propagieren."