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Moraltheologe: Tyrannenmord heute problematisch

28.05.2026 13:24
Deutschland/Russland/Iran/Krieg/Theologie/Ethik/Kirche
Theologe Bormann verdeutlicht in "Herder-Korrespondenz": Wenn die Tötung eines Tyrannen keine durchgreifende Verbesserung der Lage seines Volkes herbeiführen kann, wäre sie problematisch - trotz der Grausamkeit des Despoten
Freiburg, 28.05.2026 (KAP/KNA) Die Brutalität despotischer Regime wie in Russland oder im Iran ist offensichtlich. Doch wäre aus christlicher Sicht ein Tyrannenmord deshalb gerechtfertigt? Der deutsche katholische Moraltheologe Franz-Josef Bormann hält eine "Übertragung der traditionellen Denkfigur eines 'Tyrannenmordes' auf die aktuellen Verhältnisse in Russland oder im Iran" für sehr fragwürdig und problematisch.

In der Zeitschrift "Herder-Korrespondenz" (Juni-Ausgabe) schreibt Bormann: "Auch wenn der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine maßgeblich auf Betreiben Wladimir Putins erfolgte, mangelt es gegenwärtig nicht nur an einer ausreichend starken innerrussischen Opposition gegen das quasi-diktatorische Wirken des Präsidenten." Es fehle auch eine "begründete Aussicht, durch dessen Beseitigung tatsächlich eine durchgreifende Verbesserung der Lage herbeiführen zu können".

Bormann betont: "Der moralisch bedrückende Umstand, dass sich Kriegsverbrecher wie Putin in Ermangelung einer effizienten internationalen Strafgerichtsbarkeit noch immer mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgreich der Strafverfolgung entziehen können, ist zwar höchst bedauerlich." Doch rechtfertige dies "keine politischen Abenteuer, die sich im Blick auf das Ziel einer Stabilisierung des (Welt-)Gemeinwohls als kontraproduktiv erweisen könnten", so Bormann.

"Mindestens ebenso problematisch" erscheinen laut Bormann die Angriffe der gegenwärtigen US-Regierung und Israels auf die iranische Staatsführung. Der einstige oberste Revolutionsführer Ali Chamenei sei zwar "aufgrund massiver Menschenrechtsverletzungen seines Regimes keineswegs als unschuldige Person zu klassifizieren" gewesen. Doch dies ändere nichts daran, dass seine Tötung wohl "keine durchgreifende Verbesserung der Lage des iranischen Volkes" habe herbeiführen können. Eine Eliminierung weiterer Funktionsträger des Regimes könne sogar zu einer weiteren Radikalisierung führen.

Die Vermeidung von Verschärfungen der Repression sowie von bürgerkriegsähnlichen Unruhen und Spaltungen hätten schon immer als notwendige Voraussetzungen für die Legitimität der Tötung eines Tyrannen gegolten. Die Vorstellung eines "einfachen Regime-Change durch die Eliminierung einzelner politischer Führungsfiguren" dürfte sich, so Bormann, "unter den ungleich komplexeren Umständen des heutigen Irans als fatale Fehleinschätzung erweisen".

Bormann ist seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Von 2016 bis 2024 war er Mitglied des Deutschen Ethikrates.
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