Missbrauch: Deutsche Franziskaner räumen Totalversagen ein
25.02.202616:18
Deutschland/Kirche/Missbrauch/Orden/Franziskaner
Studie ergab: Mehr als 100 Betroffene und 98 Tatverdächtige seit 1945 - Kein einziger Fall wurde aus eigenen Reihen aufgedeckt
München, 25.02.2026 (KAP/KNA) Opfer ignoriert, Täter gedeckt, Aufarbeitung verschleppt - die deutschen Franziskaner haben ein Komplettversagen im Umgang mit sexualisierter Gewalt eingeräumt. Bei der Vorstellung einer 450 Seiten starken Aufarbeitungsstudie bat Provinzialminister Markus Fuhrmann auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in München alle Betroffenen um Vergebung "für die entsetzlichen Taten". Ein Verschweigen solcher Verbrechen "darf es nie wieder geben", zitierte die deutsche Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) Fuhrmann.
In der wissenschaftlichen Studie ermittelten Sozialpsychologen vom IPP-Institut in München mehr als 100 Betroffene sexualisierter Gewalt seit 1945. Als Tatverdächtige seien 98 Ordensmänner namentlich identifiziert worden. Dies entspreche bei einer Gesamtzahl von 2.500 Franziskanern im Betrachtungszeitraum einer Quote von vier Prozent. Das Dunkelfeld sei "um ein Vielfaches größer", betonte Studienautor Peter Caspari.
Für die Standorte Vossenack, Ottbergen, Dorsten (alle Nordrhein-Westfalen) sowie Vlodrop in den Niederlanden liegen den Forschern Hinweise auf jahrelange sexualisierte Gewalt an Jungen vor. Bei der Hälfte aller dokumentierten Vorgänge handle es sich um schwere Fälle.
"Es ist kein Fall bekannt, in dem ein Mitbruder sexuellen Missbrauch aufdeckte", erläuterte Caspari. Bis 2011 hätten sich Ordensverantwortliche in keiner Weise für das Schicksal Betroffener interessiert. Bis 2010 sei auch kein einziges Strafverfahren oder eine kirchenrechtliche Sanktion gegen einen Täter proaktiv veranlasst worden. Insgesamt habe der Prozess der Aufarbeitung "viel zu spät" begonnen.
"Intensive Verhöre präpubertärer Jungen"
Als eine spezifische, pathologische Variante spirituellen Missbrauchs beschreibt die Studie "intensive Verhöre präpubertärer Jungen zu ihrer Sexualität". Aber auch junge Frauen, die sich in der Kirche hätten engagieren wollen, seien manipuliert und in sexuelle Beziehungen verwickelt worden. Die damit verbundene Scham habe Betroffene teils ihr ganzes Leben lang in ihren Paarbeziehungen beeinträchtigt.
Die IPP-Forscher empfehlen der Ordensleitung, eine Erinnerungskultur auf Ebene der Provinz wie an betroffenen Standorten zu etablieren. Die Klarnamen der Beschuldigten sollten zumindest intern kommuniziert werden, wenn die Vorwürfe fundiert und schwerwiegend seien. Dabei sei mit Widerständen und Verleugnungen zu rechnen. Die heutige deutsche Franziskanerprovinz zählt nach eigenen Angaben noch 180 Mitglieder.