Wiener Ethikinstitut: Wirkung und ethische Bewertung hängen vom Einnahmezeitpunkt ab - Transparenz für "medizinische Redlichkeit und selbstbestimmte Entscheidung" grundlegend
Wien, 20.02.2026 (KAP) Eine aktuelle Plakatkampagne in den Wiener U-Bahnen für das Notfallkontrazeptivum ellaOne® hat eine Debatte über Transparenz bei der Bewerbung ausgelöst. Das Präparat wird - mit dem Slogan "Hilft, bevor man (frau?) schwanger wird" - als rein verhütend dargestellt, wogegen das Wiener Bioethikinstitut IMABE Bedenken äußert: Die Wirkung und damit auch die ethische Bewertung würden vom Einnahmezeitpunkt abhängen, wobei durchaus auch eine frühabtreibende Wirkung möglich sei. Vollständige und für Anwenderinnen verständliche Information auch darüber sei nötig, fordert das Institut in einer Aussendung vom Freitag, denn: "Transparenz über Wirkmechanismen ist keine ideologische Frage, sondern eine Voraussetzung für medizinische Redlichkeit und selbstbestimmte Entscheidungen."
In der offiziellen Gebrauchsinformation von ellaOne® wird laut IMABE als primärer Wirkmechanismus die Verschiebung bzw. Hemmung des Eisprungs genannt. Die Fachinformation weist darüber hinaus darauf hin, dass der enthaltene Wirkstoff Ulipristalacetat hochaffin an den Progesteronrezeptor bindet. Progesteron spielt eine zentrale Rolle sowohl bei der Vorbereitung der Gebärmutterschleimhaut auf eine mögliche Schwangerschaft als auch bei deren Aufrechterhaltung. Substanzen, die in diesen hormonellen Regelkreis eingreifen, können daher nicht nur den Eisprung beeinflussen, sondern auch Veränderungen des Endometriums bewirken.
"Unter bestimmten Bedingungen ist eine nidationshemmende Wirkung möglich, das heißt: die Einnistung gezeugten menschlichen Lebens in die Gebärmutterschleimhaut wird behindert", so das Institut zu einer unter Umständen auch frühabtreibenden Wirkung. Entscheidend sei zudem der Zeitpunkt der Einnahme im Menstruationszyklus. IMABE hat bereits in früheren Publikationen dargelegt, dass die Wirkung der sogenannten "Pille danach" wesentlich davon abhängt, ob sie mehrere Tage vor dem Eisprung eingenommen wird - den sie dann verhindere, unmittelbar davor - die Verhinderung sei dann nicht mehr zuverlässig, oder erst danach. Für spätere Einnahme werde in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert, ob zusätzliche Wirkmechanismen wie etwa Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut zur Wirksamkeit beitragen, so die Aussendung.
ellaOne® kann bis zu fünf Tage nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Da eine Befruchtung häufig bereits innerhalb der ersten Tage erfolgt, "stellt sich aus wissenschaftlicher Sicht die Frage, wie die Wirksamkeit bei späterer Einnahme ausschließlich durch eine Verschiebung des Eisprungs erklärt werden kann", so das Institut weiter. Studien zu selektiven Progesteronrezeptor-Modulatoren hätten jedenfalls Veränderungen der endometrialen Rezeptivität und progesteronabhängiger Marker gezeigt.
"Aus ethischer Perspektive ist diese Unterscheidung von zentraler Bedeutung. Es besteht ein moralisch gravierender Unterschied zwischen der Wirkung 'Verhütung' und 'Frühabtreibung'", kommt das von der Bischofskonferenz getragene Institut zum Schluss. Eine informierte Entscheidung setze daher voraus, dass auch diese in der Fachliteratur diskutierten Zusammenhänge verständlich kommuniziert werden.
Außer den Informationspflichten gegenüber Patientinnen seien auch Anforderungen des Verbraucherschutzes berührt. "Eine öffentliche Bewerbung in stark frequentierten Verkehrsmitteln - etwa in den Anlagen der Wiener Linien - sollte keine verkürzten oder missverständlichen Aussagen enthalten", wird in der Stellungnahme unterstrichen. (Infos: www.imabe.org)